Leibniz-Forschungsverbund
Energiewende

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Leibniz-Konferenz "Science2Power - Welche Forschung benötigen wir für die Energiewende?"

 

Diediesjährige Leibniz-Konferenz fand unter dem Titel "Science2Power - Welche Forschung benötigen wir für die Energiewende?" statt. Organisiert wurde sie von der Leibniz-Gemeinschaft, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und dem Leibniz-Forschungsverbund Energiewende. Zu verschiedenen kontroversen Themen, darunter Kohleausstieg, Wärme- und Verkehrswende sowie Energiekonflikte wurde auf der Konferenz zwischen Wissenschaftler:innen und Fachleuten aus der Praxis diskutiert.


Nachlese der Konferenz

Eingeleitet wurde die Veranstaltung mit vier Keynotes von Patrick Graichen (Agora Energiewende), Claudia Kemfert (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), Robert Schlögl (Max-Planck-Institut für chemische Energiekonversion) und Andreas Knie (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung), die in ihren Vorträgen unterschiedliche Blickwinkel, Handlungsoptionen und Zeithorizonte sowohl für die Forschung als auch für die Zielerreichung umspannten. Ihre Thesen wurden anschließend mit dem Publikum diskutiert.

In vier Workshops wurden die Themen „Energiekonflikte“, „Verkehrswende“, „Wärmewende“ und „Kohleausstieg“ am Nachmittag vertieft diskutiert. Sie wurden von Wissenschaftler*innen des Leibniz-Forschungsverbundes Energiewende eingeführt und moderiert und durch Vorträge von eingeladenen Gästen aus Wissenschaft und Praxis bereichert.

In einer Schlussdiskussion wurden Praktiker*innen aus Unternehmen und Verwaltung darum gebeten, auf die Thesen aus den Workshops einzugehen. Hier diskutierten Philipp Bouteillier, Geschäftsführer der TXL Urban Tech Republic GmbH, Alexander Woitas, Principal Consultant bei  Energie-Start-up Lumenaza, und Katrin Dziekan, verantwortlich für den Bereich „Umwelt und Verkehr“ im Umweltbundesamt.

Keynotes

Einig waren sich die vier Keynote-Speaker darin, dass inter- und transdisziplinäre Forschung unabdingbare Voraussetzung ist, um die verschiedenen möglichen Wege zu einer Transformation des Energiesystems aufzuzeigen und politische Entscheidungen zu ermöglichen. Wie diese Forschung genau aussehen muss und welche Akzente bei der Entscheidungsfindung gesetzt werden, bleibt jedoch Sache eines kontinuierlichen Dialogs.

Patrick Graichen,
Geschäftsführender Direktor des Think Tanks „Agora Energiewende“, ist sich sicher, dass ein Großteil der technologischen Entwicklungen, die für die Umsetzung der Energiewendeziele bis 2030 notwendig sind, bereits ausgereift sind. Für die viel diskutierten Power-to-x-Technologien zur Umwandlung von Strom in Wärme, Gas oder Treibstoffe, die seiner Einschätzung nach erst nach 2030 verstärkt zur Anwendung kommen, besteht ein erhöhter Forschungsbedarf. Aktuell sei vor allem die Steigerung der Energieeffizienz notwendig. Mit der zu erwartenden Elektrifizierung des Wärme- und Verkehrssektors werde der Strombedarf steigen, so dass man ohne signifkante Effizienzgewinne mit dem Ausbau erneuerbarer Energien sowieso nicht nachkäme.

Claudia Kemfert,
Leiterin der Abteilung „Energie, Verkehr, Umwelt“ am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW-Berlin) und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance, setzte sich insbesondere mit den Bedingungen für einen raschen Kohleausstieg und dem damit verbundenen Strukturwandel in den betroffenen Regionen auseinander. Einerseits warb sie für die Berücksichtigung regionaler Wirtschafts- und Sozialstrukturen insbesondere in der Lausitz. Andererseits plädierte sie für eine gegenüber dem derzeitigen Niveau deutlich höhere Bepreisung von CO2-Emissionen, um den Kohleausstieg möglichst schnell und wirksam einzuleiten.

Robert Schlögl,
Direktor am Fritz Haber Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin, nahm die globale Energiewende in den Fokus seines Vortrages. Da die entscheidenden Weichenstellungen im globalen Maßstab erst nach 2030 zu erwarten seien, müsse man bis auf weiteres technologieoffen an die Energiewende herangehen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht ginge es bei der Eindämmung des Klimawandels vor allem um die Schließung des Kohlenstoffkreislaufes. Man müsse versuchen, CO2 – Moleküle zu binden und für die Menschheit nutzbar zu machen.

Andreas Knie,
Leiter der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung in Berlin (WZB), referierte über die Trägheit von Veränderungen im Verkehrssektor, die er in tiefsitzenden Strukturen sowohl im Verhalten der Nutzer als auch im Verhalten von Institutionen begründet sieht. Visionäre Vorhaben seien innerhalb dieser trägen Strukturen nur sehr schwer umzusetzen. In der Forschung müsste deshalb verstärkt auf Reallabore gesetzt werden, in denen alternative Transformationspfade frei von hemmenden Strukturen erprobt und demonstriert werden könnten.


Workshop Kohleausstieg

Claudia Kemfert moderierte den Workshop zum Kohleausstieg. Als Gäste und Discussants waren eingeladen:

Daniela Setton,
Senior Research Associate in der Abteilung „Wege zu einer nachhaltigen Energieversorgung“ am Institute for Advanced Sustainability Studies, Potsdam (IASS).

Tobias Geiger,
wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung „Klimawirkung und Vulnerabilität“ am Postdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Klaus Freytag,
Leiter der Abteilung Energie und Rohstoffe im Ministerium für Wirtschaft und Energie des Landes Brandenburg.

Hier wurde diskutiert, wie der (Braun)Kohleausstieg sozialverträglich umgesetzt werden könnte und welche Rolle die regionale und die nationale Ebene bei der Umsetzung spielen sollten. Top-Down müsse der Prozess angestoßen, gemanaged und koordiniert werden. Gleichzeitig müsse die Bewältigung des regionalen Strukturwandels auf der nationalen Ebene adressiert und unterstützt werden. Inwieweit jedoch von der nationalen Ebene auch ein End-Datum für den Kohleausstieg vorgegeben werden könne, blieb strittig. Von zentraler Wichtigkeit sei es, die regionale Ebene bei dem Top down initiierten Prozess von Anfang an in großem Umfang einzubeziehen. Eine große Herausforderung bestünde darin, in „der Region“ eine gemeinsame Stimme zu finden und zu koordinieren. Es blieb unklar, welche Akteure (kommunale- bzw. Länderebene; Braunkohleunternehmen, Zivilgesellschaft, Bürgerinnen und Bürger) gehört und einbezogen werden müssten. Aus diesem Grunde müssten auch auf regionaler Ebene Koordinierungs- und Kommunikationsprozesse stattfinden. Hier stünde insbesondere die Lausitz in ihrer länderübergreifenden Aufstellung zwischen Brandenburg und Sachsen vor großen Herausforderungen. Fazit der Diskussion war, dass der Ausstieg in einem Zusammenspiel aus top-down und bottom-up Prozessen bestehen müsse, die gut ineinandergreifen und sich wechselseitig Impulse setzen.


Workshop Verkehrswende

Der Workshop zur Verkehrswende wurde von Weert Canzler, Senior Research am WZB und Sprecher des Leibniz-Forschungsverbundes Energiewende, eingeleitet und moderiert. Als Referenten und Discussants waren eingeladen:

Anne Klein-Hittpaß,
Projektleiterin Städtische Mobilität in der Aroga Verkehrswende in Berlin.

Christiane Arnscheidt,
Co-Geschäftsführerin des Mobilitäts-Start-ups CleverShuttle.

Robert Schönduwe,
Projektleiter am Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel Berlin (InnoZ).

Ausgangspunkt der Diskussionen in diesem Workshop war, dass unabdingbare Voraussetzungen für die Verkehrswende Veränderungen bei Gesetzen und Verordnungen, Geschäftsmodellen und Wertschöpfungsketten sowie Gewohnheiten und Praxiswissen seien. Erforderlich sei eine mehrfaktorielle Mobilitätsforschung, welche diese Veränderungen systemisch misst, Modelle entwickelt und Prognosen ableitet. Bisher seien einige der Faktoren in Modellen zum Mobilitätswandel stärker (z.B. Energie, Fahrzeugtechnologie), andere dagegen schwächer (z.B. Mobilitätsstile, Änderungen der Arbeitswelt) repräsentiert. Die Frage, was zur Etablierung und was zum Wandel von Mobilitätsverhalten beiträgt, müsse daher noch genauer erforscht werden. Es gelte daher insbesondere, die das Auswerten digitaler Daten und der Entwicklung großräumiger Experimente (bspw. eines Berliner Bezirks oder einer mittelgroßen Stadt) weiterzuentwickeln. Eine entsprechende Förderung durch die Politik werde angeraten. Ebenfalls wichtig seien Experimentierklauseln für Start-ups, die neue Formen der Mobilität anbieten, für die die geltenden Gesetze nicht passen oder sogar hinderlich sind. Nur so könnten die Nachfrage und technische Machbarkeit außerhalb der bestehenden Rahmenbedingungen „im Feld“ getestet werden. Offene und reale Testbedingungen in der Gesellschaft könnten faktenbasierte Entscheidungen - z.B. unter Einbezug von Reboundeffekten und Akzeptanz – erleichtern. Außer dem Individualverkehr auf der Straße müssten zudem der Flugverkehr und die Frachttransporte verstärkt untersucht werden. Fazit der Diskussion war, dass systemisches Denken und die offene Kommunikation der vielen Akteure, Stakeholder und Forschenden gestärkt werden müsse, um zu kreativen und unerwarteten Lösungen zu kommen.


Workshop Energiekonflikte

Fritz Reusswig,
Senior Researcher in der Abteilung „Transdisziplinäre Konzepte und Methoden“ am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), moderierte den Workshop zum Thema „Energiekonflikte“. Als Referenten und Discussants waren eingeladen:

Julia Zilles,
wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Demokratieforschung der Universität Göttingen.

Florian Braun,
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie und Ethik der Umwelt an der Universität Kiel.

Sören Becker,
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geographischen Institut der Universität Bonn.

Gunnar Wobig,
Mitglied der Landesenergie- und Klimaschutzagentur Mecklenburg-Vorpommern.

In dem Workshop wurden Energiekonflikte auf der lokalen Ebene diskutiert, insbesondere am Beispiel von Protesten gegen Windenergieanlagen, aber auch gegen Stromtrassen und Fracking. Festgestellt wurde eine steigende Anzahl und stetige Professionalisierung von Bürgerprotesten, bei denen es oft um Fragen von Mitgestaltung und Verteilung ginge. Häufig würde für die Beteiligung sowohl an Bauentscheidungen sowie an potenziellen finanziellen Gewinnen gestritten. Bei den Konflikten seien oft unterschiedliche Kommunikationslogiken am Werk, zwischen denen es zu „übersetzen“ und zu vermitteln gelte, um politische von rechtlichen Argumentationsweisen sorgfältig zu trennen. Die Auseinandersetzungen würden z.T. auch durch Emotionalität erschwert, die bei Bürger:innen tendenziell als Authentizität, bei Entscheidungsträger:innen hingegen eher als Irrationalität interpretiert würde. Um die Konflikte und deren Entwicklungsdynamiken besser zu verstehen, bräuchte die Wissenschaft mehr Langzeitstudien. Diese sollten unter anderem auch die Legitimität verschiedener Lösungsansätze in den Fokus nehmen. Zu den breit akzeptierten Lösungsvorschlägen gehörten sowohl Information als auch Partizipation. Ein Vorschlag für die Gestaltung von mehr Partizipation wurde auf dem Workshop jedoch kontrovers diskutiert: Danach könnten die übergeordneten Energie- und Klimaziele bundespolitisch festgesetzt, deren Umsetzung jedoch nach regionalen Wertemustern oder lokalspezifischen Gemeinwohlinteressen basisdemokratisch ausgehandelt werden – und zwar jenseits spezifischer technischer Vorgaben. Einigkeit bestand am Ende darin, dass die Forschung sich von Fragen der Akzeptanz eher lösen und stattdessen Fragen von Legitimation und Partizipation in den Fokus nehmen sollte.


Workshop Wärmewende

Clemens Deilmann,
Leiter des Forschungsbereichs „Ressourceneffizienz von Siedlungsstrukturen“ am Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden (IÖR), moderierte den Workshop zum Thema „Wärmewende“. Als Referenten und Discussants waren eingeladen:

Bernd Hirschl,
Leiter des Forschungsfeldes „Klima und Energie“ am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin (IÖW) und Inhaber des Lehrstuhls für „Management regionaler Energieversorgungsstrukturen“ an der Brandenburgisch-Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg.

Jörg Walther,
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet für Stadttechnik an der Brandenburgisch Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg.

Franco Dubbers,
Architekt und Energieberater, Sachverständiger für Schäden an Gebäuden sowie KfW Energieeffizienz-Experte bei der Firma SDU-Architekten, Berlin.

Ralf Petereit,
Geschäftsführer des Ingenieursbüros Ralph Petereit, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein für Thermische Bauphysik, Energiebilanzierung und Wärmeschutz.

In dem Workshop wurde eine Vielzahl an Herausforderungen für die Umsetzung der Wärmewende insbesondere in Gebäuden diskutiert. Hier würden bestehende Potenziale oft nicht optimal genutzt, weil Wissen und Geld für den Betrieb haustechnischer Anlagen fehlten. So würden wichtige Daten zu Bedarfs- und Verbrauchswerten von Gebäuden sowie für Quartiere nur mangelhaft erhoben. Gleichzeitig sei die Kompetenz zum Betrieb der komplizierten Anlagen oft nur unzureichend vorhanden. Modernisierungen seien außerdem unattraktiv, solange die Energiepreise niedrig und die Förderprogramme kompliziert blieben. Wenn doch modernisiert wird, fehle es oft an Gesamtkonzepten und an Instandhaltungsplänen. Schließlich wurde konstatiert, dass die Versorgungsunternehmen durch Veränderung der politischen Rahmenbedingungen zu einer CO2-armen Wärmebereitstellung verpflichtet werden müssten. Um diese Herausforderungen zu überwinden, müssten Daten zu Bedarfs- und Verbrauchswerten in Zukunft mit neuen Standardnutzungen hinterlegt, Vergleichsdatensätze für unterschiedliche Gebäudenutzungsklassen angelegt sowie Open-Data-Plattformen von Verbrauchswerten im Nichtwohngebäudebereich erarbeitet werden. Außerdem müssten sozialverträgliche Wege gefunden werden, um die Nutzung fossiler Energien im Wärmebereich in Zukunft auszubremsen. Hierzu seien einerseits politische Interventionen, andererseits aber auch Planungssicherheit notwendig. Um verschiedene Transformationswege aufzuzeigen, müssten Demonstrationsprojekte für sektorenübergreifende und systemische Ansätze aufgebaut werden. All dies müsste mit einer umfassenden Kommunikationsstrategie verbunden werden, die systemische Zusammenhänge aufzeigen und das Alltagshandeln beeinflussen könnte.

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