Leibniz-Forschungsverbund
Energiewende

© pixelio / Florian Gerlach

Forschungsagenda

Drei zentrale Spannungsfelder charakterisieren den Transformationsprozess der Energiewende und bilden die Leitlinien der Verbundforschung:

  • Zentrale vs. dezentrale Systeme
  • Öffentliche vs. private Interessen
  • Globale vs. lokale Wirkungen

Zentrale versus dezentrale Systeme

Das Energiesystem ist deutschland- und europaweit über verschiedene Netze hochintegriert. Jahrzehntelang war es durch große Erzeugungsanlagen geprägt, die oft in räumlicher Nähe zu Ballungszentren installiert wurden. Die zunehmende Dezentralisierung der Energieerzeugung stellt insbesondere die Netzarchitektur vor große Herausforderungen. Lokale und regionale Teilnetze gewinnen an Relevanz und müssen neue Aufgaben übernehmen. Daraus ergeben sich Fragen der Verteilung und der Regulierung, mit ökonomischen und räumlichen Folgen. Die Integration von Verkehr, Gebäuden und Speichern ist zudem technisch noch nicht ausgereift. Im Zuge der Dezentralisierung sind auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene bereits neue Governance- und Geschäftsmodelle entstanden, deren Wirkungen jetzt analysiert werden müssen.

Die Verschiebungen, die durch den Dezentralisierungsprozess entstehen, sind Ausgangspunkt für Untersuchungen innerhalb dieses Spannungsfelds. Es wird gefragt, wie unterschiedliche Grade der Dezentralisierung sich technisch, ökonomisch und gesellschaftlich auswirken, welche potenziellen Probleme sich daraus ergeben, und wie dies im Vergleich zu zentralen Lösungen zu bewerten ist. Einen wichtigen Bezugspunkt für die Forschung innerhalb dieses Spannungsfeldes bilden die living labs in Berlin und Anhalt-Dessau.


Öffentliche versus private Interessen

Übergeordnete gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessen, wie die Versorgungssicherheit und die Kostenbegrenzung, geraten nicht selten in Konflikt mit individuellen, lokalen oder partikularen Interessen. Diese Konflikte werden besonders dann virulent, wenn neue Anlagen, Trassen oder Speicher errichtet werden sollen. Akzeptanzprobleme sind vielerorts unübersehbar und müssen ergründet werden, um – darauf aufbauend – geeignete Strategien zu definieren, wie die lokale Öffentlichkeit frühzeitig in Entscheidungsprozesse eingebunden werden kann. Demgegenüber stehen private Nachfrager, die sich mit unerwartet hohem Engagement an der Verbreitung erneuerbarer Energietechnologien beteiligt, und deren Entwicklung vorangetrieben haben. 

Das Ziel der Verbundforschung ist es, Interessenskonflikte zu erklären, die im Zuge der Energiewende entstanden sind und Wege aufzuzeigen, wie konstruktiv mit ihnen umgegangen werden kann. Die übergeordnete Forschungsfragen lauten: Wessen Interessen werden durch die Energiewende bedient und wessen Interessen werden übergangen? Wie können die vielen unterschiedlichen Interessen im Zuge des Transformationsprozesses berücksichtigt werden?


Globale versus lokale Effekte

Die Energiewende ist kein auf Deutschland beschränktes Thema. Sie ist Teilantwort auf eine globale Problemlage, die eng mit der absehbaren Klimaerwärmung, der Verknappung von fossilen Energieträgern und der Abhängigkeit insbesondere der Industrieländer von Energieimporten zusammenhängt. Weil Energie außerdem einen wichtigen Faktor für Wohlstand und Entwicklung darstellt, streben auch viele Schwellen- und Entwicklungsländer an, ihre Energieeffizienz zu steigern und den Anteil fossiler Energien zu reduzieren. Entsprechend sollte die Entwicklung der europäischen Energiesysteme insbesondere die Bedürfnisse und Entwicklung ihrer südlichen und östlichen Anrainer berücksichtigen. Eine europäische Energiewende hätte auch Implikationen für die internationale Handelspolitik. Bereits heute beobachten wir starke industriepolitische Interessen, die sich in veränderten Terms of Trade bis hin zu Handelsbeschränkungen niederschlagen (Monopolisierung bei den Seltenen Erden und Beschränkung ihres Exports; Dumping im Bereich der Solarzellen in China; Schutzzölle für Solarmodule als Reaktion). Vor diesem Hintergrund einer komplexen und dynamischen Mehrebenenproblematik  hinsichtlich der räumlichen Verteilung von Kosten und Nutzen der Energiewende stellt sich schließlich die Frage nach der Steuerbarkeit und den Steuerungspotentialen dieser vertikalen räumlichen Verflechtungen. Die Energiewende kann nicht allein auf einer Handlungsebene effektiv vorangetrieben werden. Sie bedarf institutionellen Arrangements und Governance-Formen auf allen Ebenen: von Quartier, Stadt oder Region, über die Landes- und Bundesebene bis hin zur EU und globalen Politik.

Wie diese verschiedenen institutionellen Rahmensetzungen und politischen Initiativen ineinandergreifen, aneinander vorbeiwirken oder sich sogar konterkarieren ist eine zentrale Forschungsfrage des Verbunds.Zwei Problematiken stehen in diesem Spannungsfeld somit im Mittelpunkt: zum einen die technische und wirtschaftliche Skalierung dezentraler Lösungen für die Produktion, Speicherung und Verteilung von Energie und zum andern das mögliche räumliche oder zeitliche Auseinanderfallen von Ursachen und Wirkungen.